Gesundheit

Einsamkeit – das unsichtbare Problem für den Einzelnen und die Gesellschaft

Rund zwölf Prozent der 30- bis 50-jährigen Deutschen fühlten sich 2021 einsam. Das geht aus dem Einsamkeitsbarometer 2024 hervor, das vom Bundesfamilienministerium veröffentlicht wurde. Einsamkeit ist jedoch kein deutsches Problem. 2022 kam eine Regierungsumfrage aus Japan zu einem erschreckenden Ergebnis. 40 Prozent der Japaner, die mindestens 16 Jahre alt waren, wurden im Jahr zuvor von Einsamkeitsgefühlen geplagt.

Außergewöhnliche Maßnahmen gegen die Einsamkeit

Einsamkeit kann Menschen aller Gesellschaftsschichten und Altersgruppen betreffen. Eine im März durchgeführte Umfrage der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass sich 46 Prozent der befragten 16- bis 30-Jährigen einsam fühlten. Zehn Prozent von ihnen litten sogar unter einem starken Einsamkeitsgefühl.

Die zunehmende Vereinsamung betrifft hauptsächlich die Industrieländer. Mögliche Gründe sehen Einsamkeitsforscher vor allem bei jungen Menschen in der subjektiven Relevanz sozialer Medien. Diese gäben vor allem Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein Gefühl der Zugehörigkeit. Trotz der Vernetzung mit Gleichaltrigen fehle allerdings ein echtes Gegenüber.

Auch das Fehlen „dritter Orte“ kann Einsamkeitsgefühle in der Bevölkerung verstärken. Ein „dritter Ort“ bezeichnet eine Begegnungsstätte abseits des eigenen Zuhauses und der Arbeit. Gemeint sind unter anderem Grünanlagen in der Stadt, Cafés, Kinos oder Bars.

Besonders Letztere leiden seit Jahren unter dem Kneipensterben in der Bundesrepublik. In Berlin schrumpfte die Zahl der Kneipen von 20.000 im Jahr 2023 auf magere 500. Dadurch fehlen zunehmend mehr leicht zugängliche Orte, an denen sich Menschen begegnen und austauschen können.

Bild: Adobe KI

Computerhunde und Sexspielzeuge gegen Einsamkeit

Um die sozialen Kontakte außerhalb des Hauses zu ersetzen, werden vor allem seit der Pandemie mehr und mehr technische Lösungen zu Hilfe genommen. Als Ersatz für zwischenmenschliche Kontakte dienten während der Corona-Krise in Japan kleine Roboter-Haustiere. Die mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten mechanischen Spielzeuge konnten mitunter:

  • die Aufgaben eines Wachhundes übernehmen
  • sich bis zu zehn Gesichter merken
  • durch Laute, Mimik und Gestik kommunizieren

Durch Sensoren auf Rücken und Kopf nahmen die Roboterhunde Streicheleinheiten wahr und reagierten darauf mit einem glücklichen Schwanzwedeln. Ebenso registrierten die Ersatzhaustiere das Lächeln oder ein Lob ihrer Besitzer.

In Deutschland kann eine realistische Sexpuppe die Rolle des Alltagsbegleiters einsamer Menschen einnehmen. Männer und Paare bestellen sich die lebensecht wirkenden Sex-Roboter etwa, um Gefühle von Einsamkeit und Langeweile zu vertreiben.

Die künstlichen Gefährten eignen sich dabei aus mehreren Gründen als Ersatz für echte soziale Kontakte. Sie wirken durch ihr Aussehen real, können sich bewegen, sprechen und nonverbal kommunizieren. Diese Eigenschaften verdanken hochwertige Sexpuppen der in ihnen verbauten KI, die qualitätsabhängig sogar Gefühle simulieren kann.

Warum die Deutschen Gefallen an einer Real Doll finden, verriet bereits eine Umfrage in der Erotik-Community JOYclub aus dem Jahr 2019. Rund 58 Prozent der Befragten gaben darin an, sich mit einer realistischen Sexpuppe weniger einsam zu fühlen.

Warum ist Einsamkeit ein gesellschaftliches Problem?

Computergesteuerte Haustiere und Sexpuppen können das individuelle Gefühl der Einsamkeit zwar lindern. Sie können die Ursachen für die zunehmende Vereinsamung der Gesellschaft jedoch nicht beheben. Damit das gelingt, muss zunächst die Form der Einsamkeit identifiziert werden:

  • Emotionale Einsamkeit: Betroffenen fehlen intime Bindungen und Bezugspersonen, denen sie sich anvertrauen können.
  • Soziale Einsamkeit: Der Kontakt zu Freunden und Familie, ein größeres soziales Netzwerk, fehlt.
  • Kollektive Einsamkeit: Das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe oder Gemeinschaft ist nicht vorhanden.
  • Kulturelle Einsamkeit: Betroffene vermissen ihr bevorzugtes kulturelles oder sprachliches Umfeld.
  • Physische Einsamkeit: Der Wunsch nach körperlicher Nähe bleibt unerfüllt.

Diese Formen der Einsamkeit können separat oder zusammen auftreten.

Bereits die symptomatische Hilfe dagegen schafft für den Einzelnen Vorteile. 2020 konnte durch Studien belegt werden, dass Einsamkeit die psychische und körperliche Gesundheit beeinträchtigt.

Einsame Menschen ernähren sich tendenziell schlechter und bewegen sich weniger. Beides erhöht das Risiko von Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ebenso kann Einsamkeit laut Studienlage ein Treiber von Angststörungen und Suchterkrankungen sein. Forscher bringen sie auch mit einem gesteigerten Diabetes- und Demenzrisiko in Zusammenhang.

Mehr als die Hälfte der Menschen, die sich in der 2020 veröffentlichten Gutenberg-Gesundheitsstudie als einsam bezeichneten, litten unter Depressionen. Ihre Neigung zu Angststörungen und Suizidgedanken war signifikant höher als bei den Befragten, die nicht von Einsamkeitsgefühlen geplagt wurden.

Einsamkeit als Anstoß für Extremhaltungen

Durch die gesundheitlichen Folgen, die die Einsamkeit mit sich bringt, bedeutet sie eine zusätzliche Belastung des Gesundheitssystems. Für die Gesellschaft ist sie jedoch noch aus einem anderen Grund gefährlich. Denn Einsamkeitsgefühle können die Sicht auf die Demokratie verändern.

Wird die Einsamkeit als schmerzhaftes Gefühl wahrgenommen, das über Monate oder Jahre anhält, führt sie dazu, dass Betroffene:

  • sich aus der Gesellschaft zurückziehen
  • negativer auf andere Menschen reagieren
  • sich politisch weniger engagieren oder
  • sich verstärkt zu politisch extremen Haltungen hingezogen fühlen

Insbesondere die letzten beiden Punkte werden in der Studie „Extrem einsam?“ des Bundesfamilienministeriums näher beleuchtet. Laut ihr fühlen sich einsame Menschen der Gesellschaft weniger verpflichtet. Zudem schwindet das Vertrauen in die Mitmenschen und die staatlichen Institutionen. Die politische Teilhabe nimmt dadurch ab.

Besonders Jugendliche können zudem anfälliger für extreme Haltungen werden. Diesen Punkt machen sich vorwiegend rechte Parteien zunutze, die sich gezielt als starke Gemeinschaft präsentieren und dadurch dem Wunsch nach Zugehörigkeit entsprechen.

Ebenso kommt es extremen Gruppen zugute, dass einsame Menschen häufiger auf Verschwörungsmythen anspringen und politische Gewalt billigen. Beides fand die „Mitte-Studie“ 2023 der Friedrich-Ebert-Stiftung heraus.

Welche Maßnahmen wirken Einsamkeitsgefühlen entgegen?

Bislang wurde den gesundheitlichen und gesellschaftlichen Folgen der Einsamkeit in Deutschland wenig Beachtung geschenkt. Zwar gibt es seit 2022 Pläne zur Entwicklung einer Einsamkeitsstrategie, die mehr als 100 Maßnahmen beinhalten soll. Diese stecken jedoch noch in den Kinderschuhen.

Anders sieht es in anderen betroffenen Ländern aus. In Japan gründete sich 2021 das nationale Ministerium für Einsamkeit, das Mittel gegen Einsamkeitsgefühle, darunter Chatbots und Telefonseelsorge, auf den Weg brachte. Auf lokaler Ebene werden Austauschgruppen ins Leben gerufen, um Kommunen zusammenzubringen und dadurch soziale Netzwerke zu schaffen.

Wer selbst bemerkt, dass er unter Einsamkeit leidet, sollte solche Gefühle nicht überspielen. Für das physische und psychische Wohl ist es besser, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und sich Hilfe zu suchen.

Sinnvoll kann es sein, Einsamkeitsgefühle gegenüber einer vertrauten Person anzusprechen, um zunächst die seelische Last zu verringern. Ebenso kann es helfen:

  • Kontakte zu Familie und Freunden bewusst zu stärken
  • in den sozialen Netzwerken nach Gleichgesinnten zu suchen und sich mit diesen auszutauschen
  • Austausch- und Selbsthilfegruppen aufzusuchen oder selbst zu gründen
  • neue Hobbys auszuprobieren und darüber Menschen kennenzulernen

Zudem können Betroffene Einsamkeitsgefühle mit ihrem Hausarzt besprechen, um die Chance auf eine Psychotherapie zu erhalten.

Beitragsbild: Adobe KI